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Tagungsbericht

„Feuilleton. Schreiben an der Schnittstelle zwischen Literatur und Journalismus“

 

Tagungsbericht

Das Feuilleton zwischen Literatur und Journalismus

Das Feuilleton ereignet sich bis heute als Ort eines literarischen und kritischen Schreibens, das unter den wechselnden medialen, kulturellen, sozialen und politischen Bedingungen fortlaufend neue inhaltliche und formale Varianten hervorbringt. Im publizistischen Medium der Zeitung übernimmt es die Rolle eines ästhetischen und kritischen Gegendiskurses zum `Faktischen` und Tagespolitischen der übrigen Zeitungsteile und generiert damit einen Möglichkeitsraum, der nicht nur die Mechanismen des klassischen Journalismus zu unterlaufen vermag, sondern auch den gesellschaftlich etablierten Konsens. Wie der Titel bereits ankündigt, wurde das Feuilleton auf der Tagung interdisziplinär beleuchtet: Literaturwissenschaftliche wie medien- und kulturtheoretische, soziologische und philosophische und nicht zuletzt die Perspektiven aus dem Journalismus selbst waren Teil des Programms. Gefragt wurde dabei zum einen nach der spezifischen Schreibweise des Feuilletons als Genre und kleine Form, zum anderen nach der medialen und sozialen Funktion des Feuilletons als diskursiver Raum und Ort der kulturellen Selbstverständigung über Kunst und Politik.

Zur Poetik des Dazwischen

Hildegard Kernmayer (Universität Graz) eröffnete die Tagung mit  einem Vortrag zur Poetik des Dazwischens. Das Feuilleton als Kleine Form sei wesentlich durch Subjektivität, Poetizität und Bewegung bestimmt und transformiere sich von der publizistischen Zweckgebundenheit zunehmend ins Feuilletonistische und damit ins Poetische. Die ursprünglichen, häufig referentiellen Textfunktionen treten dabei in den Hintergrund, sie werden vom literarischen Wirkungsdispositiv mit seinen stilistischen Gesten der spielerischen Leichtigkeit, Oberflächlichkeit, Flüchtigkeit und subjektiven Gestimmtheit überlagert oder lösen sich hinter diesem ganz auf. Kernmayer spannt dabei den Bogen von den Flaneuren und traumwandlerischen Spaziergängern aus dem Wiener und Berliner Feuilleton bis hin zu gegenwärtigen Schriftstellern wie David Wagner, dem Autor von „Welche Farben hat Berlin“. Der Biograf und Literaturwissenschaftler Walter Schübler (Universität Wien) referierte an diesem Tag über den in Wien geborenen Anton Kuh, der sich im frühen 20. Jahrhundert in zahlreichen Satiren und Prosastücken nicht nur mit der modernen Gesellschaft, sondern auch mit dem Feuilleton der Moderne selbst auseinandersetzt und in seiner anarchischen Analytik  zu einer ganz eigenen radikalen Form der Kritik fand. Die Slawistin Irina Wutsdorff (Universität Tübingen) beleuchtete das Wechselverhältnis von journalistischem und literarischem Schreiben exemplarisch an den beiden Prager Autoren Jan Neruda und Egon Erwin Kisch. Mit dem Anspruch eines emanzipatorischen Aktes versuchen die beiden Grenzgänger soziale Wirklichkeit zu beschreiben und bedienen sich dabei der ästhetischen Darstellungsmöglichkeit der Reportage und der `kleinen Form`, um neue Zugänge zum Sozialen zu finden, die über das rein Faktische hinausweisen.

Zum Politischen im Feuilleton

Während am Donnerstag die feuilletonistischen Schreibweisen im Vordergrund standen, wurde der Schwerpunkt am Freitag auf das Feuilleton als Ort der Debatte und Kritik gelegt. Hier eröffnet Simone Jung (Universität Hamburg), die über das Feuilleton der Gegenwart in historischer Perspektive referierte. Am Beispiel der Berliner Volksbühnen-Debatte zeigte sie einen grundlegenden Kulturwandel von den bürgerlichen zu den populären Kulturen auf, wie er sich seit dem 18. Jahrhundert bis heute ereignet und der auch im Feuilleton als traditionell bürgerlicher Ort seinen Ausdruck findet.  Die neue Vielfalt der Kulturen habe dabei nicht nur Effekte für die Themen und Sprecher im Feuilleton, sondern auch für die hier geführten kulturellen Kämpfe und Debatten. Daran anschließen konnte der Germanist Thomas Hecken (Universität Siegen), wenn er über die spezifischen Werturteile im überregionalen Feuilleton der Gegenwart aus philosophischer Perspektive sprach, die er exemplarisch mit Beiträgen aus der Wochenzeitung `Die Zeit` und der `Frankfurter Allgemeinen Zeitung` analysierte. Dabei kam er zum Ergebnis, dass sich die hier generierten Wertungsweisen und -prinzipien jenseits der klassischen Beurteilungskriterien von Schön/Hässlich und Moralisch/Unmoralisch ereignen. Zudem entziehe sich das heutige Feuilleton in der Regel eindeutiger abschließender Wertungen zwischen Gut und Schlecht, zwischen Bedeutung und Nicht-Bedeutung, und unterscheide sich damit wesentlich von der Deutlichkeit der Literaturkritik eines Marcel Reich-Ranicki.  Der Mediensoziologe Andres Ziemann (Universität Weimar) referierte wiederum über die Praxis und Funktion von Medienintellektuellen, so ist auch die Figur des Intellektuellen eine traditionell bürgerliche Figur, die unter den massenmedialen Bedingungen einen Wandel durchläuft. Dabei seien „Intellektuelle nicht per se Männer und Frauen des Geistes und des Wortes, wenn sie sich nur durch die Medien Intellektuellen-Status erarbeitet haben, sind sie ohne Medien nichts.” Das Feuilleton selbst sei Vermittler, Multiplikator und Plattform für intellektuelle Interventionen; der Feuilletonist selbst jedoch nicht automatisch ein Intellektueller. Intellektueller sei man nur situativ, oder mit Ulrich Oevermann (1996): “Man kann Intellektueller nicht permanent sein, als dauerhaften Beruf ausüben oder gar als Beruf erlernen. Vielmehr wird man situativ zum Intellektuellen”.

Digitale Kulturen

Als letzten Beitrag in diesem Panel verlas Hildegard Kernmayer den Vortrag der erkrankten Germanistin Nadja Geer (Universität Berlin), der das soziale Netzwerk und Unternehmen Facebook als möglicher Ort der Debattenkultur im Anschluss an den Artikel von Ijoma Mangold “Das Ende der Rechthaberei” beleuchtete. Die These einer neuen, bewegten Form der Debattenkultur als sogenannte „Postkritik“ zwischen Demokratisierung und Barbarisierung, die wesentlich von Performativität, Zufall und Unvorhersehbarkeit geprägt sei, verfolgte Geer mit drei Theoriekonzepten aus der Philosophie, Algorithmus, Akzeleration und Agency. Die Diskussion im Anschluss drehte sich in Abwesenheit der Autorin um soziale Netzwerke im Allgemeinen und Facebook im Spezifischen. Welche neuen Räume und Formen von Kritik generieren sich unter den digitalen Bedingungen? Tolerieren Plattformen wie Facebook, Tumblr und Twitter überhaupt noch einen feuilletonistischen Denkstil? Und welche spezifischen Öffentlichkeit entstehen hier? Letztlich: Was kann das Feuilleton als allgemeiner weil zusammenführender Ort unterschiedlicher Diskursen heute an Kritik leisten? An der Diskussion beteiligten sich auch die Journalisten selbst, die an diesem Tag anwesend waren (u.a. Doris Akrap, Lothar Müller, Sigrid Löffler, Ekkehard Knörer). Einig wurde man sich schließlich, dass die digitalen Öffentlichkeiten im Netz und die `realen` Öffentlichkeit der Zeitungspublika in der Wissenschaft als auch im Journalismus selbst nicht getrennt, sondern zusammen gedacht werden müssen, bilden sie doch nicht nur neue Praktiken in Bezugnahme aufeinander aus, sondern auch neue Formen von Kritik.

Zur zärtlichen und verstehenden Kritik

Im zweiten Panel des Tages referierte Christa Baumberger (Universität Zürich) über die Lyrikerin und Schriftstellerin Emmy Hennings, die im Feuilleton der 1920er und 1930er Jahre im leicht plaudernden poetisierenden fast zärtlichen Stil metareflexiv über Literaten, Künstler und Feuilletonisten schrieb und dabei zu einer ganz eigenen feuilletonistischen wie kritischen Gattung fand, die zwischen den Grenzen von Rezension, Portrait, Erinnerungstext und Brief zirkuliert. Zugleich eigne sich die Reiseschilderungen, Portraits und Kritiken des Gründungsmitglieds der Zürcher Dada-Bewegung, das gesamte künstlerische Netzwerk jener Zeit zu rekonstruieren. Sybille Schönborn (Universität Düsseldorf) wiederum sieht in dem Kritiker und Essayisten Max Herrmann Neiße das  Prinzip der „verstehenden Kritik“ verwirklicht und verbindet damit eine „Dichtung der Zärtlichkeit“. Neiße leiste in seinen über 600 bisher bekannten Literatur-, Theater- und Kabarett-kritiken eine umfassende wie radikale Kultur- und Zeitkritik, die sich in publizistische  Positionierungen gegen die Kriegsbegeisterung von 1914 ebenso äußere wie in seinen Texten gegen den anschwellenden Rassismus, Antisemitismus oder den geschlechtlichen und sexuellen Diskriminierungen.

Zur journalistischen Praxis

Der dritte und letzte Tag der Tagung war von der journalistischen Praxis selbst geprägt. So konnte der Journalist, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Jan Drees (Universität Münster) auf die prekären Verhältnisse der Literaturkritiker im Netz aufmerksam machen, die zwar zum Teil eine hohe Reputation genießen und zu einem unverzichtbaren Aufmerksamkeitsgenerator für die Verlage geworden sind, zugleich aber ökonomisch nicht tragbar sind. Diesen Widerspruch macht Drees anhand verschiedener Blogs wie „Literaturen“, „Intellectures“, „54books“, „Papiergeflüster“ und anderen exemplarisch deutlich. Gemeinsam wurde über neue Möglichkeiten der Finanzierung und der Organisation der Literaturkritik zwischen Zeitung und Netz nachgedacht. Der Journalist Marc Reichwein (Die Welt) und der Literaturwissenschaftler Michael Pilz (Universität Innsbruck) referierten in einem gemeinsamen Vortrag zur klassischen Form des Interviews, welches im zeitgenössischen Diskurs als Ursprung für die Krise des Rezensionsjournalismus wahrgenommen wird. Hier griffen sie die Ergebnisse der Umfrage von Thierry Chervels (Perlentaucher) auf, wonach die Anzahl der Rezensionen im Bereich Literatur in den letzten 15 Jahren um fast fünfzig Prozent abgenommen habe. Reichwein und Pilz konnten anhand von Zahlen aus dem Innsbrucker Zeitungsarchiv diese starke Abnahme weder bestätigen, noch konnten sie eine Zunahme von Interviews zulasten der Rezensionen feststellen. Im Anschluss wurde die Wertigkeit aber auch die kreativen Möglichkeiten des Interviews als Form anhand verschiedener Beispiele wie die von Tom Kummer oder Moritz von Uslar diskutiert. Zuvor referierte die Literaturwissenschaftlicher Bettina Braun (Universität Zürich) über den Stellenwert des Feuilletons und des Feuilletonismus im literarischen Diskurs des Exils nach 1933, der sich allein schon deshalb als problematisch erweise, wurden die Feuilletons als Sammlung in jener Zeit doch nur selten in Büchern veröffentlicht, um auch von der Literaturkritik wahrgenommen zu werden. Anhand der Feuilletons von Robert Musil, Alfred Polgar und Franz Hessel zeigt Braun zunächst wie sich die Form dem Inhalt bemächtigt, indem sie sich schließlich verselbständigt und ohne Aussagen auskommt. Daran anschließend kann auch Braun den gängigen Vorwurf der `Plauderei` und der `oberflächliche Kritik` an das Feuilleton  im  literarischen Diskurs jener Zeit bestätigen. So wurde das Spielerische und die stilistische Leichtigkeit der Texte zu scheinbar nebensächlichen Gegenständen von der Kritik als unzeitgemäß und als Formalismus abgelehnt.

Das Feuilleton war nicht nur Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzungen, auch die FeuilletonistInnnen selbst wurden in die Debatte eingebunden. Unter dem Titel „Zwischen Ästhetik und Ökonomie: Zur Lage des Feuilletons“ diskutierten Doris Akrap (die tageszeitung), Ekkehard Knörer (Merkur), Sigrid Löffler (Die Zeit, ZDF) und Lothar Müller (Süddeutsche Zeitung) am Freitagabend im Kunsthaus Graz. Einige Eindrücke hat die Grazer Studentin und Journalistin Julia Neuwirth aufgeschrieben:

Vernetzung und künftige Projekte

Neben der Interdisziplinarität war die Vernetzung und Nachhaltigkeit ein wesentliches Ziel der Tagung. So hat sich bis heute keine Feuilletonforschung im Sinne eines übergreifenden Arbeitszusammenhang etablieren können, was aus der Perspektive der Organisatorinnen als auch der TeilnehmerInnen unerlässlich erscheint, um dem Feuilleton als gesellschaftlichen Relevanzfaktor und als Forschungsgegenstand gerecht zu werden. Die Tagung war ein erster Schritt, die international agierenden WissenschaftlerInnen im Bereich Feuilleton zusammenzuführen. Letztlich ging es auch darum eine neue Feuilletonforschung in Aussicht zu stellen, die sich gerade zwischen den Disziplinen bewegt. Vor diesem Hintergrund wurde die von den Organisatorinnen konzipierte „Interdisziplinäre Gesellschaft für Feuilletonforschung“ begründet. Sie soll nicht nur den interdisziplinären Arbeitszusammenhang stärken, sondern auch die Förderung der Vernetzung der unterschiedlichen wissenschaftlichen aber auch journalistischen Annäherungen an das Phänomen Feuilleton.

Simone Jung