Tagung

Interdisziplinäre Tagung

Universität Graz | Zentrum für Kulturwissenschaften | Institut für Germanistik
Universität Hamburg | Institut für Allgemeine Soziologie

Feuilleton.

Schreiben an der Schnittstelle
zwischen Journalismus und Literatur

26. – 28. November 2015
Medienzentrum Steiermark, Alte Universität,
Hofgasse 16, 8010 Graz und
Space04 im Kunsthaus Graz, Lendkai 1, 8020 Graz

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts entsteht in der Pariser Presse das neue Feuilleton-Ressort und mit ihm der ‚Feuilletonismus‘, also jene Schreibweise, die sich in den Jahren nach 1830 zur polyfunktionalen Gattung des Feuilletons verfestigt. Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert sich das Genre als ein fester Bestandteil der Zeitung auch in der deutschsprachigen Publizistik und präsentiert sich dort in immer neuen inhaltlichen und formalen Varianten.

Im publizistischen Medium der Zeitung übernimmt das Feuilleton die Rolle eines ästhetischen Gegendiskurses zum ‚Faktischen‘ und Tagespolitischen der übrigen Zeitungsteile und generiert damit einen ‚Möglichkeitsraum‘, der die Mechanismen des klassischen Journalismus zu unterlaufen vermag. Zugleich agiert das Feuilleton trotz seines intentional ästhetischen Charakters nie autonom, ist es doch von Beginn an durch eine mehrfache diskursive und generische Bezogenheit charakterisiert. So unterliegt es zuerst der Ökonomie und politischen Linie des ‚Unternehmens‘ Zeitung. Aber auch gattungspoetologisch betrachtet firmiert das Feuilleton als ‚Hybrid’, der seine spezifische Gestalt in Zusammenführung unterschiedlicher literarischer und publizistischer Textfunktionen und Formtraditionen ausbildet.

Der Feuilletonismus ist dabei kein historisches Phänomen. In seinem Oszillieren zwischen journalistischer Sachgebundenheit und literarischer Verwandlungsfreiheit überdauert er vielmehr die Medienbrüche des 20. Jahrhunderts und findet Eingang ins Radiofeuilleton wie auch in die Kulturberichterstattung des Fernsehens, er realisiert seine ‚Poetik des Dazwischen‘ in Internet-Blogs und Social Media ebenso wie im Feuilleton der großen Tages- und Wochenzeitungen. Angesichts solcher Persistenz stellt sich die Frage, ob nicht gerade die feuilletonistische Schreib- und Denkweise die adäquate Form ist, Erfahrungen einer pluralisierten Gesellschaft, die im digitalen Zeitalter nicht nur eine Krise des Journalismus zu verzeichnen hat, sondern vor allem auch eine generelle Expansion des Ästhetischen erlebt, journalistisch und literarästhetisch zu transformieren.

Die Betrachtung feuilletonistischen Schreibens, das im Literarischen und im Publizistischen beheimatet ist, ruft unterschiedliche disziplinäre und methodische Zugänge auf den Plan. Neben gattungspoetologischen und literaturwissenschaftlichen, medien- und kulturtheoretischen, können auch soziologische und philosophische Annäherungen an das Phänomen und nicht zuletzt die Betrachtungen des Journalismus selbst neue Perspektiven in der Feuilletonforschung eröffnen. Ziel der Tagung ist es, die unterschiedlichen Annäherungen an das Feuilleton zusammenzuführen und nachhaltig zu vernetzen. Gefragt wird dabei zum einen nach der spezifischen Schreibweise des Feuilletons als Genre und kleine Form, zum anderen aber auch nach der medialen und sozialen Funktion des Feuilletons als diskursiver Raum und Ort der kulturellen Selbstverständigung über Kunst und Politik.